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Heiligenloh vor tausenden von Jahren

veröffentlicht um 17.06.2011, 02:32 von Rainer Meyer
Von Julia Soostmeyer
 
Twistringen-Heiligenloh. Auch Erwachsene buddeln gerne im Sand, vor allem, wenn sie dabei historische Funde zu Tage bringen, die aus der Zeit zwischen 300 und 500 Jahre vor Christus stammen. In Heiligenloh bei Twistringen sind jetzt während des Baus einer Erdgas-Pipeline Jahrtausende alte alte Siedlungen und Gräberstätten entdeckt worden. Unter Zeitdruck arbeitet eine Arbeitsgemeinschaft an der Bergung der Fundstücke, die von Urnen bis zu Spielsteinen und Teilen von Bronzestatuen reichen.

Mit einer Breite von rund 30 Metern erstreckt sich quer über die Felder der Aushub für die Pipeline-Rohre. Durch diese Baggerarbeiten wurde der Blick auf den archäologischen Schatz offengelegt. Für einen Laien kaum vorstellbar, sieht der Experte sofort: Hier haben sich vor tausenden von Jahren Menschen angesiedelt. "Wir orientieren uns anhand der Bodenverfärbungen", erklärt Grabungsleiter Björn Buik, den der Fund nicht überrascht. Denn: "Aufgrund einiger anderer Funde in Heiligenloh konnte fast davon ausgegangen werden, dass auch hier etwas gefunden wird", so Friedrich-Wilhelm Wulf, Bezirksarchäologe in Hannover. Trotzdem seien alle zufällige Funde. Bereits im Zuge des Baus einer Pipeline 1994 wurden solche Bodenschätze entdeckt. "Damals wurden aber keine Untersuchungen angestellt", erinnert sich Wulf. Die gefundenen Siedlungen sollen aus der Zeit des dritten und vierten Jahrhunderts nach Christus stammen, die Gräber zwischen 300 und 500 Jahren vor Christus.

Überreste teils gut erhalten

Nun klaffen einige sorgfältig ausgehobene Löcher auf einer Länge von etwa 200 Metern im Boden. Am Ende werden es etwa 156 Ausgrabungen sein. Das Grabungsteam steht unter Zeitdruck, denn die Gasleitung soll bereits Ende 2012 fertig sein. Dem Team bleiben nur noch wenige Tage, um ihre Grabungen abzuschließen, dann muss es mit dem Bau weitergehen. "Wir sind mit rund 23 Leuten am Werk, eigentlich besteht so eine Mannschaft nur aus etwa acht Helfern", erläutert der Grabungsleiter und Archäologe Buik. Bereits zwei Drittel sind bisher abgearbeitet worden.

"Häufig werden Einzelfunde, wie Steinäxte und -beile gefunden", weiß Bezirksarchäologe Wulf aus Erfahrung. Beeindruckend für die Beteiligten in Heiligenloh ist der gute Zustand der Überreste. Neben der Zeitnot gibt es noch eine weitere Schwierigkeit für die Archäologen: "Die Relikte stammen aus einigen unterschiedlichen Zeiten. Es ist nicht einfach zu bestimmen, aus welcher Zeit was stammt", erklärt Björn Buik. Vor Ort werden die Funde gewaschen, dann werden sie in die Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege gebracht.

Zu den bisher spektakulärsten Relikten aus der germanischen Zeit zählen ein Spielstein, eine Gewandspange - sie wurde wie eine Sicherheitsnadel verwendet - sowie ein Hirschgeweih einer Bronzestatue und ein Webgewicht eines Webstuhls. "Das weist hier Textilherstellung nach", schließt Buik aus dem Relikt. Ein Metalldetektor erleichtert dem Team die Suche. Außerdem wurden zahlreiche Lang- und Kreisgräber, Hausgrundrisse und Leichenbrandlager entdeckt. An einem solchen Lager lässt sich viel ablesen, wie Grabungsleiter Buik an einem Beispiel erläutert. "Die Größe der Knochenüberreste zeigt, dass der Tote wahrscheinlich im Winter gestorben ist und auch bestattet wurde." Immer wieder finden die Grabungsteammitglieder ältere Gräber zwischen germanischen Grabstätten und Siedlungshäusern. "Die älteren Gräber dürften nochmal rund 1000 Jahre älter sein", schätzt Björn Buik.

Der Grundbesitzer Henning Duveneck war sehr erstaunt, als er von dem Fund hörte. Stellvertretend schaute sich seine Tochter, Lena Duveneck, an der archäologischen Grabungsstätte um. "Damit hätte ich nie gerechnet. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas zu sehen bekomme", sagt sie beeindruckt. Auch Bürgermeister Karl Meyer zeigte sich während einer Besichtigung überrascht, es sei schließlich nichts Alltägliches. Ihm kam sofort in den Sinn, Fundstücke im Twistringer Strohmuseum ausstellen zu können. "Da haben wir schließlich schon eine Fossiliensammlung", so sein Argument.

Die Kosten der Ausgrabungen tragen übrigens die Investoren der Pipeline - die Unternehmen Wingas und Eon-Ruhrgas. Sie belaufen sich auf mehrere Millionen Euro. Jedoch nicht alleine für Heiligenloh. Mit dem Bau der Gasleitung wurde ein umfangreiches Archäologieprojekt ins Leben gerufen. Allein in Niedersachsen wird die Leitung am Ende rund 200 Kilometer lang sein. Das Ausgrabungsprojekt wird vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege geleitet.

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