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Als Europa tropisch warm war

veröffentlicht um 14.08.2012, 00:55 von Rainer Meyer   [ aktualisiert: 14.08.2012, 01:01 ]

Als Europa tropisch warm war


Die Erde ist ein Planet im ständigen Wandel: Landmassen verändern ihre Lage; Tier- und Pflanzenarten sterben aus oder entstehen neu. Lebensräume, die an die Regenwälder der Tropen erinnern, gab es einst auch in Mitteleuropa. Bei der Rekonstruktion der Verhältnisse vor vielen Millionen Jahren helfen Forschern Fossilien aus der Grube Messel bei Darmstadt.

Aus dem Weser-Kurier vom 14.8.2012,  VON JÜRGEN WENDLER

Messel. Die Grube Messel, ein stillgelegter Tagebau, ist 1995 von der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation, zum Weltnaturerbe erklärt worden. Vor etwa 47 Millionen Jahren befand sich dort ein sogenanntes Maar, ein etwa 300 Meter tiefer Kratersee, dessen Entstehung auf vulkanische Aktivitäten zurückging. Dass viele der dort entdeckten Überreste von Lebewesen besonders gut erhalten sind, hängt damit zusammen, dass das Wasser am Boden des Sees sauerstofffrei war. Unter diesen Bedingungen waren Bakterien nicht in der Lage, die Fette von Leichen vollständig aufzulösen. Aus freigesetzten Fettsäuren bildete sich Leichenwachs. Dieses verhinderte, dass die Kadaver zerfielen, ehe sie vollständig in den Seeboden eingebettet waren.
Wie Volker Wilde vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main erklärt, war der Kratersee vermutlich von einem tropischen Regenwald umgeben. Bei dieser Aussage stützt sich der Forscher auf Untersuchungen von Früchten und Samen aus der Grube Messel, deren Ergebnisse er und weitere Experten des Senckenberg Forschungsinstituts, der Universität London und des Florida Museum of Natural History in einer umfangreichen wissenschaftlichen Veröffentlichung zusammengefasst haben. Demnach konnten sie 140 verschiedene Pflanzengattungen nachweisen, von denen 65 bislang unbekannt waren. „Wir haben sehr viele Überreste von Blütenpflanzen und einige Nadelhölzer gefunden“, sagt Wilde. Dass in dem Gebiet vor rund 47 Millionen Jahren eine Dschungelatmosphäre herrschte, belegt nach seinen Worten nicht zuletzt der hohe Anteil an Lianen. Lianen sind Kletterpflanzen, die in tropischen Regenwäldern besonders häufig anzutreffen sind.
Samen mit Flügeln
Schon damals gab es nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler viele unterschiedliche Strategien, mit denen die Pflanzen ihre Verbreitung sicherten. So hätten sich an manchen Samen Flügel befunden. Dadurch hätten die Samen leicht vom Wind davongetragen werden können, erklären die Experten. Auch explodierende Kapseln, die Samen im Umfeld verstreut hätten, habe es gegeben.
Dass Früchte und Samen Wirbeltieren als Nahrung dienten, belegen nach den Worten von Wilde Untersuchungen des Darminhalts. „Angebohrte Samen zeigen außerdem, dass sich auch die aus Messel bekannten Rüsselkäfer von bestimmten Pflanzen ernährten.“
Zu den Funden aus der Grube Messel, die weltweit besonders viel Aufsehen erregt haben, gehört neben Urpferdchen, die nur etwa einen halben Meter groß waren, auch ein unter der Bezeichnung „Ida“ bekannt gewordenes Fossil. Der wissenschaftliche Name von „Ida“ lautet Darwinius masillae. Bei dem Tier handelt es sich um einen ausgestorbenen Primaten, von dem Wissenschaftler annehmen, dass er auf Bäumen lebte. Zu den Primaten werden neben Menschen und Affen zum Beispiel auch die auf Madagaskar beheimateten Lemuren gerechnet.
Die Fossilien aus der Grube Messel helfen Forschern nicht nur bei der Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte des Lebens, sondern auch bei der Untersuchung des Klimawandels früherer Zeiten. Als die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren ausstarben, herrschte auf der Erde ein warmes Klima, das auch in der Folgezeit zunächst erhalten blieb. So betonen Wissenschaftler, dass es vor etwa 55 Millionen Jahren selbst in hohen Lagen sehr warm gewesen sei. Sogar in Nordsibirien seien Palmen gewachsen, und in Europa hätten Wintertemperaturen um die 20 Grad Celsius geherrscht. Die Antarktis, so heißt es, sei mit Sicherheit eisfrei gewesen und habe damals erst begonnen, sich von Australien zu lösen, mit dem sie lange einen Kontinent gebildet habe. Erst vor etwa 45 Millionen Jahren habe eine deutliche Abkühlung eingesetzt – zunächst in den Polarregionen. Die Vereisung der Antarktis begann zwar nach Expertenangaben bereits vor mehr als 33 Millionen Jahren, war aber erst vor wenigen Millionen Jahren abgeschlossen. Noch vor acht Millionen Jahren habe zum Beispiel das Klima im Gebiet des antarktischen Ross-Schelfeises dem geglichen, das heute in Feuerland herrsche, betonen Wissenschaftler.

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