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Was Knochen erzählen

veröffentlicht um 15.08.2011, 00:26 von Rainer Meyer

Archäozoologe Hans Christian Küchelmann erläutert Funde aus dem Untergrund des Bremer Marktplatzes

- Weser-Kurier vom 15.08.2011 -

Was Knochen erzählen

Von Sandy Bradtke
Schwachhausen. Wenn irgendwo auf der Welt in der Erde alte Knochen gefunden werden, könnte es ein Fall für Christian Küchelmann sein. Der Bremer ist Archäozoologe und untersucht die Überreste von Tieren, die bei archäologischen Grabungen gefunden werden. Im Jahr 2002 wurden bei Bauarbeiten am Bremer Marktplatz neben antiken Münzen, Keramik und Metall auch 52 Kilogramm Tierknochenfragmente aus verschiedenen Zeitepochen entdeckt. Küchelmann wertete die Funde aus und konnte daraus Rückschlüsse über das damalige Markttreiben ziehen. Darüber berichtete er jetzt im Focke-Museum.

Als das Bremer Rathaus 1404 erbaut wurde, entstand auch der heutige Marktplatz. Vor dieser Zeit spielte sich das Markttreiben für mehr als 600 Jahre auf dem Gelände der heutigen Liebfrauenkirche ab. Die Relikte des frühzeitlichen Bremer Areals, die vor neun Jahren am Marktplatz freigelegt wurden, stammen aus ganz unterschiedlichen Epochen. Die Zeitspanne reicht vom sechsten bis zum 18. Jahrhundert. Die Funde wurden in fünf Zeitabschnitte eingeteilt und separat bestimmt. Weil eine flächendeckende Grabung und Dokumentation nicht möglich war, konnten nach den Worten von Christian Küchelmann "nur punktuelle Einblicke" in die mittelalterliche Geschichte des Marktplatzes gewonnen werden.

An der Südostseite des Marktplatzes vor dem Dom stand bis 1860 das Balleersche Haus aus dem 15. Jahrhundert. Neben dem Keller dieses aufwendig gestalteten Giebelhauses verbargen sich unter der Erde interessante Schichten. An mehreren Stellen der Grabung stießen die Mitarbeiter der Bremer Landesarchäologie in 1,30 Meter Tiefe auf eine ehemalige Pflasterschicht. Anhand von Keramikfunden konnte die Schicht relativ genau auf die Zeit um das Jahr 1300 datiert werden.

In der Pflasterschicht befanden sich rund 35 Kilogramm Knochenfragmente. Aufgrund der hohen Dichte, mit der die Knochen in dem Feldsteinpflaster vorkamen, hält es Küchelmann für unwahrscheinlich, dass es sich schlicht um Abfälle handelt. Vielmehr vermutet er, dass "die Knochen zur Reparatur von aufgewühlten Stellen im Pflasterweg am Marktplatz benutzt wurden".

Von den exakt 3249 gefundenen, überwiegend stark beschädigten Knochenfragmenten konnte Küchelmann gut ein Drittel (1134) bestimmen. Darunter ließen sich vor allem Haustiere wie Rind, Schaf, Ziege, Pferd, Schwein, Katze und Hund identifizieren. Durch die Analyse der Altersstrukturen der Knochen erhielt Küchelmann Hinweise darauf, wie Tier und Mensch um 1300 in der Umgebung des Marktplatzes zusammengelebt haben müssen: "Anhand von 89 Schweineknochen lässt sich folgern, dass die Schweine zumeist mindestens zwei Jahre gemästet wurden und selten das vierte Lebensjahr erreichten."

Unter dem ehemaligen Fundament des Balleerschen Hauses entdeckten die Archäologen eine Brandschicht. Unter dieser Schicht befand sich eine 50 Zentimeter tiefe und ebenso hohe Pfostengrube, die zu einem vorher an dieser Stelle abgebrannten Holzgebäude gehörte. Die dort gefundenen Tierknochen würden eine hohe Dichte an Fischresten aufweisen, berichtete der Knochenexperte. Küchelmann geht davon aus, dass die Pfosten des abgebrannten Gebäudes um 1300 gezogen wurden und die Bebauungslücke zeitweise zur Müllentsorgung für den angrenzenden Marktplatz genutzt wurde.

Möglicherweise seien die nicht verkauften Fische in die Grube geworfen worden, vermutet der Diplom-Biologe, der in Oldenburg sein Studium absolviert hat: "Unter den über tausend identifizierbaren Fischknochen waren vor allem Brassen, Stichlinge und Heringe zu finden." Brassen und Stichlinge sind laut Küchelmann recht kleine und grätenreiche Fische, die sich heute eher wenig Sorgen machen müssten, als Speisefisch zu enden. In seiner wissenschaftlichen Arbeit über die Knochenfunde vom Marktplatz merkt Küchelmann an, dass die Tierabfälle höchstwahrscheinlich so wie sie waren in die Grube geworfen wurden. Was für heutige Bremer wohl einen unerträglichen Gestank bedeuten würde, gehörte zumindest für Teile der mittelalterlichen Stadtbevölkerung zum alltäglichen Leben dazu.

Bei der Grabung am Marktplatz fand man ebenso Siedlungsreste aus dem sechsten und siebten Jahrhundert . Auch Halbfabrikate mit charakteristischen Werkzeugspuren von Sägen, Raspeln, Schleif- und Poliermitteln und fertige Produkte wie Kämme, Knochennadeln und ein Würfel wurden gefunden. Der aus Knochen gefertigte Kubus aus dem 13. Jahrhundert hat eine abweichende Nummerierung, bei der die jeweils aufeinander folgenden Zahlen einander gegenüberstehen. Diese Form der Nummerierung sei im späten Mittelalter neben der klassischen Würfelvariante, bei der sich die gegenüberliegenden Zahlen zur sieben addieren lassen, relativ häufig gewesen, erläuterte Küchelmann. Um Knochen bestimmen zu können, bediene sich ein Archäozoologe der vergleichenden Morphologie, er vergleiche also die Funde mit bereits identifizierten Knochen, erklärte Küchelmann. Dem 48-jährigen Biologen steht dafür eine Werkstatt voller Knochen zur Verfügung, die nach Skelettelementen sortiert sind. Und er hat die Möglichkeit, auf

katalogisierte Daten zurückzugreifen. Auch Knochen einer Gattung, die unterschiedlich groß sind, kann der Wissenschaftler zuordnen. Der Grundbauplan eines Skeletts sei gleich, die Formausprägungen der einzelnen Elemente aber unterschiedlich, so Küchelmann.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in den Fachgebieten Archäozoologie und Taphonomie - die Lehre von der Entstehung von Fossilien - bearbeitete der gebürtige Bremer nicht nur Knochenfunde aus der Umgebung und ganz Deutschland, sondern auch aus Grabungen einer phönizischen Siedlung in Marokko und einer urartäischen Festung in Armenien.

Der nächste Vortrag, der als Begleitprogramm zur im Mai neu eröffneten Dauerausstellung Ur- und Frühgeschichte angeboten wird, ist für Dienstag, 23. August, um 19 Uhr im Focke-Museum vorgesehen. Über ein 3200 Jahre altes Schlachtfeld im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern wird dann Thomas Terberger von der Universität Greifswald referieren.

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