Publikationen‎ > ‎Sonstiges‎ > ‎

2006-05 / Tiere der Eiszeit

Weser-Kurier vom 24. Mai 2006

Auf dem Eis kann man Schlittschuh laufen, leben kann man dort nicht. Selbst Inuits und Eisbären können nur existieren, weil sie sich von Tieren ernähren, die unter dem Eis im vergleichsweise warmen Wasser leben. Jenseits der Küsten sind die Raubtiere auf Pflanzenfresser angewiesen. Und die brauchen viel Grünes zwischen den Zähnen. Wir müssen uns also endgültig von den Bildern befreien, in denen sich Mammuts schneepflugartig durch eine tief verschneite Eiswüste kämpfen.

"Die Eiszeit war ganz anders", sagt Brigitte Kaulich, von der Nürnberger Naturhistorischen Gesellschaft (NHG). Vor 730 000 Jahren, wir befinden uns bereits im Eiszeitalter, dem Pleistozän, war der Rhein von Flusspferden bevölkert. Und selbst als die skandinavischen Gletscher bis nach Berlin (vor 20 000 Jahren) vordrangen, gab es in Mitteleuropa noch artenreiche Graslandschaften bei mittleren Juli-Temperaturen bis 10 Grad Celsius. Wegen der höheren Sonneneinstrahlung in unseren Breiten war die Flora damals deutlich vielfältiger als die rezente Pflanzengesellschaft der sibirischen Tundra.



Das Mammut war der Chef



In diesen trockenen und kalten Steppengebieten lebten die Tiere der so genannten Mammutfauna: Herden von Wildpferden, Steppenwisenten, Auer- und Moschusochsen, Rentieren, Riesenhirschen, und Saiga-Antilopen streiften durch die offene Landschaft. Wollnashörner, Vielfraße und Höhlenbären zogen einzeln durchs Gelände. Den "Vegetariern" folgten die Fleisch- und Aasfresser: Höhlenlöwe und Wolf, Leopard und Eisfuchs, Höhlenhyäne und Bartgeier.

Unbestrittener Anführer dieser Lebensgemeinschaft war das wollhaarige Mammut (Mammuthus primigenius), dessen Vorfahren vor rund drei Millionen Jahren aus dem tropischen Südafrika über den mittleren Osten nach Europa einwanderten. Vor 1,5 Millionen Jahren hatte sich Mammuthus meridionalis vor allem in Südeuropa etabliert. Das Rüsseltier erreichte eine Schulterhöhe von vier Meter, hatte vermutlich große Ohren und kein Fell. Trotz seiner spiralförmig gewundenen Stoßzähne erinnerte es eher an einen gigantischen Elefanten als an ein Mammut. Der Wärme liebende Waldbewohner ernährte sich von Rindenstücken, Früchten und Blättern.

Die sibirischen Vertreter dieser Spezies reagierten vermutlich als erste auf eine Klimaverschlechterung und den damit verbundenen Übergang vom Wald zur Grassteppe. Aus ihnen entwickelten sich vor zirka einer Million Jahren die Steppenmammuts (M. trogontherii). Die Männchen dieser größten Mammutart erreichten eine Schulterhöhe von 4,3 Meter und wogen über zehn Tonnen.



Vor 40 000 Jahren versunken



Wie diese Giganten im Detail aussahen, wissen wir nicht. Doch die biophysikalischen Regeln lassen wenig Spielraum zu: Afrikanische Elefanten nutzen ihre großen Ohren zur Wärmeabgabe. Die Ohren des Steppenmammuts dürften also eher klein gewesen sein, um weniger Energie abzustrahlen. Außerdem benötigte das Tier ein dichtes Fell. Nachgewiesen ist die Zunahme der Schmelzlammellen in den Zähnen, mit denen harte Grasnahrung besser verwertet werden kann.

Vor etwa 250 000 Jahren erscheint in Sibirien erstmals das wollhaarige Mammut - das Charaktertier der Eiszeit schlechthin. Ein Evolutionsmodell mit perfekter Kälteschutzausstattung: Kleine aerodynamische Ohren, zehn Zentimeter Fettschicht, bis zu 90 Zentimeter lange Unterbodenschutz-Haare, verstellbare Afterklappe, kurzer Gefrierschutz-Schwanz mit integrierter (60 Zentimeter langer) Mückenabwehrquaste. Die Farbpalette reichte von Antilopen-Blond über Moschusochsen-Braun bis zu Kolkraben-Schwarz.

Kein anderes ausgestorbenes Tier ist so gut erforscht. Denn sein Aussehen ist durch zahlreiche Kadaver belegt, die sich im Permafrost erhalten haben. Die Menschen glaubten früher, es handelt sich um Überreste von Tieren, die im Erdreich lebten. Manche Forscher vermuten daher, dass der Begriff "Mammut" aus den estnischen Wörtern "maa" für Erde und "mutt" für Maulwurf entstanden ist.

Einige Kadaverfunde, wie der des Mammutkalbes "Dima" (1977 in Sibirien), sind weltberühmt. Das knapp ein Jahr alte Baby versank vermutlich vor 40 000 Jahren in einem eisigen Schlammtümpel, in dem es vollständig konserviert wurde. Mit Hilfe von Dima konnten die Wissenschaftler zum Beispiel die Entwicklung und Funktion der Rüsselspitze klären: Die zwei langen fingerförmigen Ausstülpungen erlaubten dem Mammut - wie mit Daumen und Zeigefinger - kleine Blüten und Knospen abzupflücken. Grasbüschel dagegen wurden mit der gesamten Rüsselspitze umschlungen und herausgerissen.



Stoßzähne für Angeber



Im Magen-Darm-Trakt des sibirischen "Schandrin-Mammuts" fanden die Forscher 290 Kilogramm Pflanzenreste. Der Nahrungsbrei bestand zu 90 Prozent aus Gräsern, angereichert mit Zweigspitzen von Weiden, Birken, Lärchen und Erlen. Erwachsene männliche Mammuts wogen zirka sechs Tonnen und brachten es auf eine Schulterhöhe von 3,4 Meter, was ziemlich genau den Maßen afrikanischer Elefantenbullen entspricht. Rüsseltiere dieser Größe benötigen pro Tag etwa 180 Kilogramm Futter, wofür sie 20 Stunden auf Nahrungssuche gehen müssen. Tiefschneeverhältnisse passen also nicht zum Lebensumfeld des Mammuts. Die Stoßzähne hatten keine Schneepflug-Funktion. Mit der Elfenbeinwaffe kann man allerdings Löwen und Rivalen das Schulterblatt zertrümmern, die Tränke vom Eis befreien, Rinde abhobeln oder dem weiblichen Geschlecht imponieren. Bei Prestige-Objekten schießt die Natur manchmal über ihr Ziel hinaus, wie beim Geweih des Steppenriesenhirsches, das eine Auslage von über drei Meter erreichte.

Tiere mit solch energieaufwändigen Sonderanpassungen sind bei raschen Umweltveränderungen besonders gefährdet. Am Ende der letzten Eiszeit, vor zirka 11 500 Jahren, stieg die mittlere Jahrestemperatur innerhalb von nur zehn Jahren um fünf Grad an, was dem heutigen Unterschied zwischen Stockholm und Mailand entspricht. Außerdem wurde das Klima zunehmend feuchter. Im Norden entstanden sumpfige Tundren, im Süden wurde die Mammutsteppe durch Nadelwälder ersetzt. Der Riesenhirsch und mit ihm viele andere Mammutsteppenbewohner fanden nicht mehr ausreichend Nahrung und starben aus. Die letzten Mammuts lebten vor 10 000 Jahren.



Löwe oder Tiger?



So dachte man bis 1993. Dann entdeckten russische Forscher auf den arktischen Wrangel-Inseln, wo sich die artenreiche Steppenvegetation länger halten konnte, die Überreste von 1,8 Meter großen Zwergmammuts. Radiokarbonmessungen ergaben, dass die Tiere vor 7000 - 3700 Jahren gelebt haben. 500 Generationen reichten aus, um die Mammuts auf Zwerggröße schrumpfen zu lassen. Geholfen hat es letztlich nicht. Die Gattung Mammuthus hatte sich vom Tropen- zum Arktisbewohner entwickelt, der Weg zurück blieb ihr versagt.

Höhlenbären, Höhlenhyänen und die eiszeitlichen Großkatzen fielen schon dem letzten Kältemaximum vor etwa 18 000 Jahren zum Opfer. Wie die Raubkatzen aussahen, war lange Zeit Gegenstand hitziger Debatten.1810 beschrieb der fränkische Naturforscher Georg August Goldfuss den Schädel einer Großkatze aus der Zoolithenhöhle bei Burggailenreuth als Höhlenlöwe. Aufgrund von Untersuchungen der Gefäß- und Nervenabdrücke an Schädelfossilien aus bayerischen Fundstellen, dachte man in den 1980er Jahren, dass der Löwe ein Tiger sei. Neuere genetische Untersuchungen stützen nun wieder die Löwenhypothese. Auch zeigen Höhlenzeichnungen aus Frankreich, dass die Großkatzen Schwanzquasten besaßen.

Steppenwisent, Auerochse und Wildpferd leben vermutlich in ihren kleineren Nachfahren, dem Wisent, sowie den domestizierten Rindern und Pferden weiter. Moschusochse, Rentier, Wolf, Eisfuchs und Saiga-Antilope überlebten das Ende der letzten Eiszeit unbeschadet. In welchem Umfang der Mensch am Aussterben der eiszeitlichen Fauna beteiligt war, ist noch offen. Doch sollte man bedenken, dass Naturvölker ihre Jagdbeute nicht ausrotten. Für den Menschen des Computerzeitalters trifft dies nicht mehr zu. Die digitale Unterart des Moorschneehuhnes steht seit einigen Jahren auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Comments